Es zieht ein stiller Engel
durch dieses Erdenland,
zum Trost für Erdenmängel
hat ihn der Herr gesandt.
In seinem Blick ist Frieden
und milde sanfte Huld,
o folg ihm stets hienieden,
dem Engel der Geduld.
Julius August Philipp Spitta 1841-1894
Musikwissenschaftler
Weitere Erläuterungen zusammengestellt von Ortsheimatpfleger Gerhard Henneke
Weihnachten 2019
Lage nach Straßenbezeichnung: Hauptstraße 30
Geographische Lage nach Google Earth: 51°33'52.51'' N 8°19'42.74''
Höhe ü. N.N. 185 m
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Der Bildstock steht unter Denkmalschutz und ist von der Fa. Wibbeke Geseke restauriert worden.
Die von der Gemeinde Anröchte in den Jahren nach 1980 eingesetzte Kommission zur Erfassung aller denkmalwürdigen Bauwerke schreibt folgendes:
Der aus der Zeit des Spätbarocks stammende Bildstock wurde nach der im Kopfstein, beidseits vom griechischen Namenszeichen IHS (für Jesus) angebrachten Zahl 1719 errichtet. Die an der Vorderfront des Sockels vorhandene, im kunstvollen barocken Kanzleistil angefertigte, leider aber kaum noch lesbare Widmungs- u. Stifterinschrift lautet:
Wilhelm Münstermann
Churfürst(lich) Köllnischer
Rentmeister zu Anröchte,
Clara Elisabeth Honcamp, Eheleute
J(ohann) B(ernhard) M(ünstermann) curavit [=hat es gestiftet]
Die Gestaltung und Errichtung des Bildstocks sowie die Widmung für die genannten Eheleute wurde durch ihren ältesten Sohn Johann Bernhard Münstermann (1659-1736), fürstbischöflicher Geheimrat und Kriegssekretär zu Münster, verfügt. Sein Vater, Wilhelm Münstermann (ca. 1610-1679) war ab 1654 erster nichtadliger Anröchter Rentmeister der Kurfürsten von Köln, nachdem die Adelsfamilie von Meschede, die seit 1577 die örtlichen Drosten stellte, (der letzte war Alhard von Meschede), Anröchte verlassen hatte. Vorher saßen auf dem "Schloss Anröchte" die Herren von Mellrich, von Ense, von Plettenberg, Schüngel u. von Hoerde als kurkölnische Amtswalter. In seiner Funktion als Rentmeister verwaltete nun Wilhelm Münstermann in ihrer Nachfolge und im Auftrag der kurfürstlichen Hofkammer zu Bonn das kurkölnische Amtshaus mitsamt seinem ca. 630 Morgen umfassenden Eigengut, den dazu gehörenden 15 Höfen u. 13 Kotten in Anröchte sowie den örtlichen Hude- und Mastgeldern aus den kurfürstlichen Anröchter Feldmarken und Waldgebieten. Hinzu kamen zahlreiche, an das Amtshaus gebundene Fuhr- und Pflugdienste aus den Dörfern Altengeseke, Berge, Effeln, Klieve u. Völlinghausen.
Zudem war er 1660-1678 kurfürstlicher Richter für Anröchte und Berge, sowie Baurrichter [=Gemeindevorsteher] von Anröchte.
Seine Ehefrau Clara Elisabeth Honcamp (ca. 1630-1679), die Wilhelm Münstermann 1658 in 2. Ehe geheiratet hatte, war eine Tochter von Bernard Honcamp, 1653-1670 Richter des Gogerichts Erwitte, und stammte vom ca. 2 km nordwestlich von Anröchte gelegenen Gut Hollhof im Kirchspiel Erwitte, das um 1860 im benachbarten Söbberinghof aufging u. dessen Gebäudereste 1973 der A 44 weichen mussten. Ihr Bruder Maximilian Henrich Honcamp war
kurkölnischer Landpfennigmeister zu Arnsberg [=Finanzverwalter der Landstände im Herzogtum Westfalen].
Über der Widmungsinschrift befindet sich das leider kaum noch erkennbare Rentmeister- und Richterwappen des Wilhelm Münstermann in Form eines dreigeteilten Schildes mit 3 Blumenblüten im Verhältnis 2 : 1. Durch seine Anbringung am Bildstock wollte sein Sohn bewusst auf die dem Adel gleichrangige hohe Amtsstellung seines Vaters Wilhelm Münstermanns in der direkten Nachfolge der ebenfalls wappenführenden Familie von Meschede als letzten Drosten von Anröchte hinweisen und machte es damit ebenfalls zum Familienwappen. Dies ist auch als zeitgenössischer Ausdruck beginnender Emanzipation des Bürgertums gegenüber dem Adel zu verstehen.
Dabei spricht das Wappenbild dafür, dass er es vom Amtssiegel seines Schwagers, dem iuris consultus et licentiatus (=Juristen) Johann Blömeken (auch Blümgen genannt, ca. 1660 - 1712) übernahm, der 1700 Maria Catharina Münstermann, die jüngste Tochter u. Hoferbin des Wilhelm Münstermann geheiratet hatte, als sogen. redendes Wappen übernahm (niederdt. Blömeken/Blümgen = Blumen]. Zudem scheint Johann Blömeken auch kurfürstlicher Amtsnachfolger seines Schwiegervaters geworden zu sein.
Die bedeutende amtliche u. gesellschaftliche Stellung Wilhelm Münstermanns spiegelt sich auch in den Patenschaften für seine 9 Kinder aus der 2. Ehe mit Elisabeth Honcamp wider: Darunter finden sich kurfürstl. Kammerherren, die Adeligen von Meschede zu Alme, von Droste zu Erwitte, von Bredenoll zu Westernkotten, von Holdinghausen, die Richter von Rüthen u. Erwitte, Notare, Rentmeister u. Pfarrer.
Ein Nachkomme des Bildstockstifters, Johann Bernhard Münstermann, wurde 1804 in Österreich geadelt und übernahm das alte Familienwappen als Signum seines neuen Standes.
Der Bildstock selbst stand einst am Gehöft Berghoff-Blömeke an der Berger Straße und war bis 1906 Station der alljährlichen Markusprozession, eines ausgedehnten religiösen Bittganges
um die Anröchter Feldflur. Früher befand sich in der Nische eine wertvolle zeitgenössische
Holzskulptur ("Schmerzensmann"). Diese und die kunstvolle Ausführung von Beschriftung, Wappen u. Ornamentik sowie ein Vergleich des Objekts mit auffallend ähnlichen Bildstöcken im westfälischen Raum lassen auf die Herkunft durch einen zu dieser Zeit mit besonderen handwerklichen Qualitäten begabten Anröchter Steinmetz u. Bildschnitzer schließen.
Quellen:
Stille, Franz, Der Blömeken-Hof in Anröchte, in: Lippstädter Heimatblätter 20. Jg. (1938), S. 15f
Juckenhöfel, Elisabeth u.a., Bildstöcke in Geschichte u. Brauchtum unserer Gemeinde, Anröchte 1984, S. 89f
Müller, Helmut, Anröchte - Geschichte seiner Ortschaften bis um 1800, Lippstadt 1993, S. 56, 94f, 102
Genealogisches Taschenbuch der Adeligen Häuser B 1923 (STR, ÄG) 29
Genealogisches Handbuch des Adels 1998, Bd. 9
In den Jahren nach 1906 wurde der Bildstock von seinem ursprünglichen Standort an der Berger Straße auf das heutige Eckgrundstück Hauptstr./Steinstr. in die Nähe des Hauses Hauptstr. Nr. 28 versetzt.
Eventuell waren hier Namensidentitäten der Beweggrund oder man ging gar seinerzeit von einer verwandtschaftlichen bzw. genealogischen Verbindung zwischen dem Namen in der Bildstockinschrift und den Erbauern des benachbarten Hauses aus, die sich allerdings bis heute nicht nachweisen lässt.
An der der Hauptstraße zugewandten Seite des Hauses Nr. 28 sehen Sie oben eine Platte aus Anröchter Stein mit der Inschrift:
Mit Gott erbaut
für unsere Tochter Anni
An(no) D(omi)ni W(ilhelm) Münstermann
[=im Jahre des Herrn] u. Anni geb. Jacoby
1934
Dieser Wilhelm Münstermann, der aber nicht vom Blömekenhof, sondern vom Ungenhof in Anröchte stammte, heiratete 1907 die Erbin des Hofes Jacoby-Münstermann, Anni und vereinigte danach die beiden Höfe. Das Ehepaar hatte 2 Töchter, Antonie und Anni.
Das Geburtshaus der in der Hausinschrift genannten Tochter Anni war folglich das Gehöft Jacoby- Münstermann an der Ecke Hauptstrasse Nr. 48/Berger Straße - später Grae-Münstermann genannt, nach der 1936 erfolgten Heirat der Antonie mit Willi Grae aus Mellrich. Die Schwester Anni Jacoby-Münstermann heiratete ihrerseits den Paul Marx aus Anröchte und bekam eben dieses Haus Nr. 28 von ihren Eltern übertragen. Paul und Anna Marx geb. Münstermann hinterließen nach ihrem Tod keine Kinder. Ihre Nichte Elisabeth Götze geb. Marx erwarb dann zusammen mit ihrem Ehemann Karl-Josef Götze das Grundstück mit dem Bildstock.